Stolpern über Erinnerungen

Am Montag fand in Mönchengladbach eine weitere Stolpersteinverlegung statt. Die Schülervertretung der Gesamtschule Hardt hatte auf Anregen der Fachschaft Religion die Kosten für die Erinnerung an das Opfer Ernst Meisen* übernommen.

Der Stein erinnert an Ernst Meisen, einen Jungen, der der nationalsozialistischen Rassenideologie zum Opfer fiel. Ernst Meisen verlebte in dem Haus „In der Duis 2“, früher Venloer Straße, seine frühe Kindheit und wurde von dort aus in das St. Josefshaus in MG Hardt, einer katholischen Einrichtung für Menschen mit Behinderungen, eingewiesen („310 Betten für Schwachsinnige Kinder“,  aus  einem Bericht von 1937). Von dort aus wurde er 1943, zusammen mit 23 weiteren Bewohnern, in die sogenannte „Nervenheilanstalt für Kinder“ , „Haus Spiegelgrund“ in Wien, “abgemeldet“. Die sogenannten „Spiegelgrund-Opfer“ fielen alle nach wenigen Wochen der systematischen Tötung „unwerten Lebens“ zum Opfer. Ein Kind wurde nur 2 Jahre alt, das älteste Opfer war 47 Jahre alt. Ernst Meisen kam dort im Alter von 12 Jahren zu Tode. Allen wurden nach dem Tod Gehirne oder andere Körperteile entnommen. Die Präparate existieren bis heute. Am 28.4.2002 gab es einen Trauerakt auf dem Wiener Zentralfriedhof, an dem auch Angehörige der Opfer aus Mönchengladbach teilnahmen. Unsere Patenschaft für den Stolperstein für Ernst Meisen, der gewaltsam aus seinem jungen Leben gerissen wurde, drückt unser Mitgefühl für ihn aus und unsere Entschlossenheit, gegen jegliche Form von Ausgrenzung Widerstand zu leisten! Neben diversen Wortbeiträgen begleitete Luise Laumen (9.4) die Verlegung des Steines mit ihren einfühlsamen Querflötensoli.

Den neuen „Stolperstein“ hat der Kölner Künstler Gunter Demnig in Mönchengladbach verlegt. Europaweit hat der Künstler Gunter Demnig bisher knapp 57 000 Stolpersteine verlegt, rund 255 davon finden sich in Mönchengladbach wieder. Sie werden jeweils vor den letzten selbst gewählten Wohnorten der Opfer in den Boden gelassen. Dabei ist nicht der Stein das Kunstwerk, sagt der Gunter Demnig, sondern die Tatsache, dass hier alle zusammenkommen und sich erinnern. In der Messingplatte auf den Steinen sind Name, Jahrgang und das Schicksal der Opfer vermerkt.

Unterstützt wurde unser Projekt durch Vertreter der Stadtverwaltung, inbesondere den Archivar, Herrn Lamers sowie durch die Christlich-jüdische Gesellschaft MG. Wir danken herzlich dafür!

 Text: Ute Gärtner, Fotos: Daniel Purrio (Standpunkt)

Gunter Demning, Tausendsassa (aus: „Vor meiner Haustür“, Stolpersteine von Gunter Demning, Ein Begleitbuch, Hrsg. Joachim Rönneper, Aradine Verlag, Gelsenkirchen 2016)
Die einen fallen vom Himmel, die anderen krabbeln aus der Gosse. Gunter Demnig kommt einfach um die Ecke. Seit 30 Jahren unterwegs: ein Geher, ein Fahrer, ein Macher. Mir begegnet er erstmals in Kassel als Homo erectus auf Rollschuhen mit einem Ara ararauna auf der Schulter. Gunter und Charly, das sind zwei Herzensbrecher im Zonenrandgebiet, verbunden durch Matakia, Vagabundin aus Südfrankreich, schwarz, mit einer Vorliebe für Stinkefisch, in Dosen gehalten im Kühlschrank der Bildhauerei der HBK. Gunter verkörpert den klassischen Geht-nicht-gibt’s-nicht!-Typ. Er ist Erfinder und Konstrukteur. Er ist das Genie, dem das Gehirn in den Fingern steckt. Immer in Bewegung, stetiger Arbeiter. Je größer die Herausforderung, desto besser: Arbeit als Erlösung. Nach dem Studium muß er Geld verdienen. Als Planer, Bauleiter und Handwerker saniert er im nordhessischen Nirgendwo eine denkmalgeschützte Zehntscheune von 30 Metern Firstlänge. 1980 dann die erste große Aktion. Während eines Fußmarsches von 818 km schiebt Demnig 24 Tage lang eine Maschine vor sich her, die repetierend „Duftmarken Cassel – Paris Demnig 80“ auf die Straße druckt. Lange bevor er sein sein Ziel erreicht, ist der Beginn der Spur bereits verschwunden. Das Band existiert nur als Momentaufnahme, einzig im Kopf finden Anfang und Ende zueinander. Diese Kunst gibt keine Antworten, sie buchstabiert die Fragen. Als „längstes Kunstwerk“ wird das Schriftband „Duftmarken Cassel – Paris Demnig 80“
1982 in das Guiness-Buch der Rekorde eingetragen. Demnig läuft nach London, Demnig läuft nach Venedig. Nach New York kann er nicht laufen, also rudert Demnig Fulda und Weser hinab nach Bremerhaven, wo er auf einen Frachter wechselt, der ihn über den Atlantik trägt. Bei jedem Wachwechsel setzt er Flaschenposten ab, insgesamt 384 Stück.
Seit 1981 entsteht eine Serie von Hydraulischen Skulpturen, das sind aus Zinkblech geformte, verlötete und ineinanderlaufende Zylinder. Zur Kennzeichnung tragen sie je ein Messingschild. Bereits hier werden Elemente entwickelt, die später das Projekt „Stolpersteine“ prägen. Für die Kasseler Nekropole der Künstler entwickelt Demnig aus diesem Zyklus sein Monument, das er 2009 realisiert.
Demnig markiert Bäume mit Jahreszahlen, brennt seinen Namen in Schuhsohlen, vergräbt Botschaften, schlägt Protokolle in Bleibahnen, produziert Rollsiegel und Schrifttafeln,rebelliert gegen das Vergessen. Stets arbeitet er mit vollem Einsatz. Kunst ist immer, und immer ist jetzt! Nie kommt er aus den Arbeitsklamotten, stets in Kluft: die nächste Etappe wartet schon. Mit einer fast naiven Unerschrockenheit stürzt sich Demnig in die Arbeit. Wo andere grübeln, legt Demnig einfach los. Wie sonst hätte er das Projekt „Stolpersteine“ angehen können? Inzwischen sind zehntausend Steine verlegt und die Situation ist unüberschaubar. Das Gewicht dieses Unternehmens erschließt sich dem, der beobachtet, wie Zeitzeugen dem Verlegen „ihrer“ Steine zusehen. Für dieses Projekt wurde Demnig vielfach geehrt. Den Hut trägt er, damit man seinen Heiligenschein nicht sieht. Wolfgang Hahn

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